Monday, February 3, 2014

TYPO TRY ON: Thomas Mann



Wie ich mir mechanisch eine neue Zigarette drehe und die braunen Stäubchen mit feinem Prickeln auf das weißgelbe    L
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                     der Schreibmappe niedertaumeln, will es mir unwahrscheinlich werden, daß ich noch wache.

Und wie die feuchtwarme Abendluft, die durch das offene Fenster neben mir hereingeht, die Rauchwölkchen so seltsam formt und aus dem Bereich der grünbeschirmten Lampe ins Mattschwarze trägt, steht es mir fest, daß ich schon träume.







Da wird's natürlich schon ganz arg;
denn



diese Meinung wirft der Phantasie die Zügel auf den Rücken.
Hinter mir   k n a c k t  heimlich neckend die Stuhllehne, daß es mir jäh wie hastiger Schauder durch alle Nerven fährt. Das stört mich ärgerlich in meinem tiefsinnigen Studium der bizarren Rauchschriftzeichen, die um mich i
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                                                              n, und über die einen Leitfaden zu verfassen ich bereits fest entschlossen war.


Aber nun ist die Ruhe zum Teufel. Tolle Bewegung in allen Sinnen. Fiebrisch, nervös, wahnsinnig. 
Jeder Laut keift.
Und mit all dem verwirrt steigt Vergessenes auf. Einst dem Sehsinn Eingeprägtes, das sich seltsam erneuert; mit dem Fühlen dazu von damals.


Wie interessiert ich es bemerke, daß mein Blick 
sich gierig erweitert, als er die Stelle im Dunkel umfaßt!
Jene Stelle,
aus der sich lichte Plastik stets deutlich hervorhebt.

Wie er es einsaugt; eigentlich nur wähnt, aber doch selig.
Und er empfängt immer mehr
Das heißt, er gibt sich immer mehr;
macht sich immer mehr;
zaubert sich immer mehr

.....................................................................................................immer...............................................................................................................mehr................................................................................................
Nun ist es da,
ganz deutlich, ganz wie damals,



das Bild, das Kunstwerk des Zufalls. Aufgetaucht aus Vergessenem, wiedergeschaffen, geformt, gemalt von der Phantasie, der fabelhaft talentvollen Künstlerin.
Nicht groß: klein.
Auch kein Ganzes eigentlich,
aber doch vollendet,
wie damals.

Doch unendlich im Dunkel verschwimmend, nach allen Seiten. 

Ein All.
Eine Welt.

-

Licht zittert darin




und tiefe Stimmung.




Aber kein Laut.
Nichts dringt hinein von dem lachenden Lärm ringsum. Wohl nicht ringsum, aber damals.



Ganz unten blendet Damast; quer zacken und runden und winden gewirkte Blätter und Blüten. Darauf durchsichtig hingeplattet und dann schlank rankend ein 

Kristallkelch, halb voll blassem Gold.

Davor träumend hingestreckt eine Hand. Die Finger liegen lose um den Fuß des Kelches. Um den einen geschmiegt ein duffsilberner Reif. 

Blutend darauf ein Rubin.

Schon wo es nach dem zarten Gelenk im Formencrescendo Arm werden will, verschwimmt es im Ganzen. Ein süßes Rätsel. Träumerisch und regungslos ruht die Mädchenhand. Nur da, wo sich über ihr mattes Weiß weich eine hellblaue Ader schlängelt, 
pulsiert Leben,

pocht Leidenschaft langsam und heftig. Und wie es meinen Blick fühlt, 
wird es rascher und rascher, wilder und wilder, bis es zum flehenden Zucken wird: 
Laß ab... 
Aber schwer und mit grausamer Wollust 
lastet mein Blick, wie damals.
Lastet auf der Hand, in der bebend der Kampf mit der Liebe,
der Sieg der Liebe pulsiert...
...wie damals...
..wie damals...


Langsam löst sich vom Grunde des Kelches eine Perle und schwebt auswärts. Wie sie in den Lichtbereich des Rubins kommt, flammt sie blutrot auf und erlischt jäh an der Oberfläche. Da will sie gestört alles schwinden, wie der Blick sich müht, zeichnend die weichen Konturen aufzufrischen. Nun ist es dahin; im Dunkel zerronnen. 


Ich atme tief - tief auf,


denn ich bemerke, daß ich das vergessen hatte darüber. Wie damals auch ... Wie ich mich müde zurücklehne, zuckt Schmerz auf. Aber ich weiß es nun so sicher wie damals: Du liebtest mich doch ... Und das ist es, warum ich nun weinen kann. 




aus: "Thomas Mann - Die Erzählungen", S. Fischer Verlag , Sonderausgabe, 2005



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