Thursday, February 13, 2014

INTRODUCING: Antonio Tabucchi


"Ich habe ihn nach den alten Zeiten gefragt, als wir noch jung waren, naiv, leidenschaftlich, dumm und ahnungslos. Etwas ist geblieben, nur nicht die Jugend - hat er mir zur Antwort gegeben."


Der alte Professor hielt inne, mit beinahe betroffener Miene, er wischte sich verstohlen eine Träne weg, die an einer Wimper hängengeblieben war, tippte sich an die Stirn, als wollte er sagen, wie dumm von mir, entschuldigen Sie bitte, lockerte seine unglaublich orangefarbene Fliege und sagte auf Französisch mit starkem deutschen Akzent: Entschuldigen Sie bitte, entschuldigen Sie bitte, ich habe vergessen, der Titel des Gedichts der großen polnischen Dichterin Wislawa Szymborska lautet "Der alte Professor", und dabei zeigte er auf sich selbst, als wollte er zu verstehen geben, dass er in gewisser Weise die Person aus dem Gedicht war, dann trank er noch einen Calvados, der ihn mehr noch als das Gedicht hatte rührselig werden lassen, und seufzte unwillkürlich ein wenig, und die anderen waren alle aufgestanden, ihn aufzumuntern: Wolfgang, mach dir nichts draus, lies weiter, der alte Professor schneuzte sich in ein großes, kariertes Taschentuch. 
"Ich habe ihn nach dem Foto gefragt", fuhr er mir Stentorstimme fort, "das gerahmt auf dem Schreibtisch steht. Sie waren, sie sind gewesen. Bruder, Cousin, Schwägerin, Ehefrau, die kleine Tochter auf dem Schoß, die Tochter hält eine Katze auf dem Arm, der Kirschbaum blüht, und auf dem Kirschbaum sitzt ein nicht näher bestimmter Vogel, der gerade auffliegt - hat er mir geantwortet."
Den Rest hatte sie nicht mehr gehört, oder vielleicht hatte sie ihn auch nicht hören wollen, wie süß er doch war, der alte Professor aus dem Kanton Sankt Gallen, die Cousins aus Sankt Gallen sind etwas bäuerisch, hatte die Großtante eines Abends in der Küche gesagt, merkwürdige Wesen, sie sind anständig, aber sie leben an einem Ort, wo sich die Füchse gute Nacht sagen, den alten Professor aus Sankt Gallen hingegen fand sie ganz entzückend, er hatte sogar das Gedicht kopiert, das er beim Toast vorlesen wollte, wie zuvorkommend, und den Gästen die Kopie auf den gedeckten Tisch gelegt, zwischen Dessert und Käse, denn wie er sagte, war das die wahre Hommage an den Großvater, "meinen unvergesslichen und beweinten Bruder Josef, an dessen Stelle der Herr mich zu sich hätte rufen sollen." (...)

out of: "Glückliche Liebe und andere Gedichte" by Wislawa Szymborska, C.H. Beck Verlag, 2012
(wreath illustration in the first picture from this blog)
if you can't read it properly, click on the picture to enlarge it.




this is an excerpt of Tabucchis' novel "the circle". it plays with and refers to Wislawa Szymborskas' poem "the old professor" which is shown above. his language is precise and elaborated; his topics are melancholic and thoughtful. Tabucchi was one of the greatest italian authors who spent half of his life in Portugal. he preferably named himself after his profession: professor for literature. he created essays, short stories, prose and stage plays/drama. Tabucchi admired Fernando Pessao - a multi personal poet who wrote about efficient futility, the destruction of truths and the vain insight in your own unimportance. i guess, Pessao was one of Tabucchis' little milestones. 

his possibly most known book is "explain Pereira - a witness statement" (1994) which takes places in 1938, Portugal which had a fascistic regime to that time. the protagonist Dr. Pereira is an aging journalist who became lazy and comfortable in his life situation. he didn't want to engage himself in politics but a younger philosophy student and the current situation drag him into politics. it's about an apolitical transforming into a contemporary witness who learns to take and defend an own position in the system. 

Tabucchi reflects the fragility of the self and the human being in his work and with quiet but unquestioning steps he takes sides with the freedom of thinking and resistance. there's a mission for the critical humans which lies in doubting and consistent search for questions without definite answers. Tabucchi knew that the bottom we're standing on is bottom-less. 
He defended that philosophy and adapted to Dr. Pereira in a sense. nope, i take that back. you shouldn't be so sure about these kind of interpretations. in my eyes it's very funny that there are people who can't believe that authors dare to "lie" (= first person perspective in fiction). happened a few years ago with that book by James Frey. he never said that it's his memoir he wrote about but he also never disagreed when someone suggested it. i guess he had pretty much fun at that time. 



melancholy. lonesomeness. narcissm. dreaming. vulnerability. 
these are words that could describe Tabuccis' characters. 

Pessao wrote but didn't publish his work. instead, he stored it in a box. 
maybe there's such a box from Tabucchi, too? 





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